Mittwoch, 16. September 2026

The Blues Of A Lesser God - Schwermut (MC, 1994)

Diese Cassette sollte man zuerst in den CD-Player legen. Nachdem dieser den Geist aufgegeben hat, hilft man sich mit diversen Dosen Hansa Pils und einem richtigen Tape-Deck... So die ersten Worte der Gebrauchsanweisung des nunmehr dritten Tapes innerhalb von nur einem Jahr von Supervisor Larson. Die Songs sollen ihm dieses Mal so richtig leicht aus der Hand gegangen sein, dafür fallen sie jedoch sehr schwermütig aus. Hoppla, so lautet ja auch der Titel der Cassette. Zehn Tracks, die meisten sind in epische Längen von über sechs Minuten gezogen, wirken aber keineswegs langweilig. Keyboards wurden bei den Aufnahmen bis auf das Minimum reduziert, die Gitarre tritt daher unweigerlich in den Mittelpunkt. Gleich zu Beginn überrascht mich ein düsteres, melodiöses Wave-Stück mit dem bedeutungsschwangeren Namen „Schwermut“ (schon wieder dieses Wort). „Lösche das Licht und setze dich auf den Boden und drücke die Start-Taste. Nun legst du einen dicken Strick um deinen Hals und rauchst eine Zigarette,“ heißt es weiter in der Bedienungsanweisung. Depressiv geht es weiter mit „Stranger Under My Skin“, gefolgt von der verspielten Piano-gestützten Ballade „Remains/Fear“, die fast schon allein den Strick zuschnürt. „Nun denkst du an Phil Collins, wie sein Kopf sich unter dem Vorderrad deines Wagens fühlt, und dann lehnst du dich zurück,“ und genießt die letzten Klänge von „Schwermut“. Das ultimative Tape für Selbstmörder, aufgenommen natürlich in einer grauen und stürmischen Nacht im Totenmonat November.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995)

Gothicland - Sampler (Darkland Of Tears, MC, 1994)

Der Untertitel des nach „Cold Tears“ zweiten Samplers des rührigen Labels aus Frankreich sagt eigentlich schon alles aus: A Gothic Compilation. Neunzehn durchweg gute Songs befinden sich auf der Cassette, die ich als eine der besten derzeitigen Sampler ansehe. Der Schwerpunkt liegt überdeutlichst auf gitarrenlastigem Gothic-Rock, der erste Pluspunkt. Den zweiten gibt es für die gegenüber dem Vorgänger gesteigerte Aufmachung, erneut in einer Video-Box, mit einem originellen Giger-Cover verziert. Darüber hinaus liegt ein übersichtliches Booklet mit mehr Infos über die Bands bei. Besonders freut mich, hier einige Namen zu entdecken, die ich noch gar nicht gekannt hatte, zumindest mal von der musikalischen Seite her. Dazu gehören vor allem After Darkness und Different Way. Weiterhin sind noch zu hören: The Brotherhood Of Pagans, Into The Abyss, Watchman, Land Of Passion, Kiss The Blade, Corpus Christi, Guanavaana, Missed In Diary, Vendemmian, Corpus Delicti, Dronning Maud Land, The House Of Usher, Grass Harp, Flowers Of Romance, Pentitentiam Agite und The Dream Disciples. Ein wertvolles Werk, leider nur als Cassette erhältlich.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995)

Fall From Light - Sampler (Beton Tapes, MC, 1994) | As Above So Below - Sampler (Beton Tapes, MC, 1994)

 Auf diesen jeweils neunzig Minuten dauernden Cassetten wurde von Mr. Beton-Tapes wieder sehr gute Musik zusammengestellt, die durchweg aus der Gothic-Wave-Ecke stammen. „Fall From Light“" fällt in die Reihe der Veröffentlichungen, die sich speziell mit der Szene eines bestimmten Landes beschäftigen. Dieser Sampler beinhaltet eine Vielzahl von italienischen Bands mit recht unterschiedlichen Stimmungen. Auf jeden Fall kann man aber recht bald feststellen, daß die Qualität der Songs wesentlich besser ist, als auf dem im letzten Heft besprochenen Energeia-CD-Sampler, der beinahe die gleichen Acts vorstellte. Für mich ist „Fall From Light“ eine gelungene Zusammenstellung, die ich regelmäßig höre.
Internationale Beteiligung zeichnet „As Above So Below“ aus. Bands aus USA, Österreich, Frankreich, England, Schweden und natürlich Deutschland werden dargeboten. Auch hier sind mir die meisten Bands schon bekannt, es gibt aber trotzdem das eine und andere gute Stück zu entdecken. Jedoch geht mir einiges gehörig auf die Nerven, weil es sich zu heavy-mäßig anhört, aber das ist Geschmacksache.
Abschließend noch in loser Aufzählung die auf den beiden Tapes vertretenen Bands: „Fall From Light“: Alien Martyr, Ataraxia, Mind Drop, Wasteland, Holylore, Simon Dreams In Violet, Artica, Blooding Mask, Andromeda Complex, Fear Of The Storm, The Other Voices.
„As Above So Below“: Sri Lanka, Kiss The Blade, Realm Of Doom, Dr. Add, Poison Party, Crash Black, Sepulcrum Mentis, Lucie Cries. The Vengeful Widows, Sons Of Neverland Burning Dollhouse, Death Knows No Compromise.
Fazit: Beton Tapes knows no compromise!

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995)


Simon Dreams In Violet - Dreaming The Lost (MC, 1994)

Wow, bin ich gerade in ein Zeitloch gefallen? Oder befinde ich mich doch noch in der Gegenwart? Bei diesem zweiten Tape von Simon Dreams In Violet komme ich beinahe auf diesen Gedanken, ihre Musik besitzt eine Kühle, eine Unverdorbeheit, die es nur zu Beginn des Aufstiegs des Wave/Gothic gab, damals hießen die wichtigsten Vertreter Joy Division. Deren Songs waren ebenfalls geprägt von roner Energie, heute leiden die meisten Bands leider unter klischeehaften Verstrickungen. Simon Dreams In Violet konnten sich bisher davon weit entfernt halten, und das macht sie wohl auch schwierig, unerwartete Breaks der Drummachine stoßen auf feine Gitarrensequenzen, werden aber bald durchbrochen durch immer wieder auftretende Gegensätzlichkeiten. Besonders hervorheben möchte ich „Insanity“: hier spürt man am deutlichsten britische Einflüsse á la Every New Dead Ghost. Irgendwie haben es die drei Italiener geschafft, eine eiskalte Atmosphäre zu schaffen, Cold Rock der besseren Sorte, wenn auch gewöhnungsbedürftig. Und mit elf Songs ist aus einem Demo schon fast ein Album geworden.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995) 

Fear Of The Storm - ... So Sad To Die In Oblivion... (MC, 1993)

Mit Fear Of The Storm verknüpfe ich zunächst unweigerlich den Song „R.I.P.", der wohl einigen von diversen Samplern bekannt ist. Inzwischen haben die vier Italiener ihr viertes Tape veröffentlicht, auf dem neun Tracks zu hören sind. Die Szenerie einer verstaubten Geisterstadt mit ihren prägnanten Ruinen stellen die Szenerie für die unterkühlt klingenden Songs dar, die aber immer wieder eigenartigerweise Wärme ausstrahlen; ich kann mir diese Kombination auch nicht erklären. Ich habe sowieso die Ansicht, daß die Italiener sich wenig, wenn überhaupt, an irgendwelche Klischees des Wave oder Gothic klammern. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum es nicht einfach ist, dem ganzen eine Fülle von Worten zuzuteilen. Ich denke, Fear Of The Storm muß man selbst fühlen und begreifen, erst dann wird einem das Ausmaß ihrer Musik offenbar. „These are the true devil's dances, so join this dark wave storm“.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995) 

The Faith - Suffering (MC, 1994)

Sechs Wave-Songs aus dunkler Melancholie in Verbindung mit wenigen Popeinflüssen lassen eine bizarre Atmosphäre entstehen. Lehnte sich die jetzt zum Trio geschrumpfte Band früher noch stark an Cure an, so sind diese Strukturen gänzlich zugunsten eines eigenen Sounds verdrängt worden. Diese neue Eogenständigkeit wird schon durch den Titelsong bewiesen, bei dem sich im Hintergrund ein wummernder sphärischer Bass schlängelt. Dazu der leicht klagende Gesang, was will man mehr? Etwas brachialer beginnt „The Sign“, die Gitarre erscheint leicht noisy, begleitet von einer netten Melodie im Background, schwerfällige, schleppende Drums. Das krasse Gegenteil hierzu dann bei „Bell“, das nur von einem sanften Keyboardteppich und den Vocals bestimmt ist. Der Hammer des Tapes ist jeodch „The Cage“, das einfach zu einem Hit werden muß, ein tolles Wave-Stück mit gutem Gitarrenspiel, dürfte jeden ansprechen. The Faith scheinen eine Ban der Gegensätze zu sein, denn als nächstes lassen sie ihrer psychedelischen Ader freien Lauf: „Cat“. Zum Abschluß folgt dann mit „Xenophobia“ nochmals eine wunderschön verträumte, nebenverhangene Ballade. Aufgrund der Qualität der Songs gibt es als Ergebnis ein dickes Plus.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995) 

Poison Party Project - Once I´ll Be You (MC, 1994)

Daß es sich hierbei um ein Seitenprojekt von der Bonner Band Poison Party handelt, versteht man eigentlich recht schnell vom Namen her. Musikalisch wird hier aber von Roland und Kerstin eine Art "Midi-/Gitarren-Produktion" vorgestellt. Zwölf Stücke, darin enthalten ein jeweils atmosphärisch-bedrohliches Intro und Outro. Daß natürliche einige Sachen verdächtig nach Poison Party klingen, ist eigentlich kein Wunder, denn die markante Stimme von Kerstin ist einfach unverwechselbar und sorgt sofort für die gedankliche Verbindung. Der Titelsong besteht aus monotonen Drums und einem stakkatoartigem Gitarrenspiel, entwickelt sich zu einem der interessantesten Stücke der Cassette. Weiter geht es nit einem wunderbaren Beispiel von sontrastreicher Musik. Davon ist "A Perfect Delusion" prall gefüllt, denn zum einem gibt es eine zum einen gibt es eine feine Keyboardmelodie, auf der anderen Seote steht dann eine harte Gitarre, und jetzt kommt´s: der teils fiese Gesang von Roland. Hier kann er sich schön austoben., wie es bei Poison Party wohl nicht der Fall ist. Das Stück gewinnt dadurch an Reiz. Das Tape ist eine lohnenswerte Abwechslung, das die andere Seite von begabten Musikern zeigt.

 (Text aus The Torturer Nr. 7/November 1994) 

Dead Souls Rising - Dead Souls Rising (MC, 1993)

Seit 1993 besteht diese dreiköpfige Band aus Frankreich. Das hier vorliegende erste Demo ist bereits ein Jahr alt, ein neues wird momentan aufgenommen. Dead Souls Rising überraschen mich mit ihrer Musik, die untypisch für Frankreich ist. Der Opener „Ruined Spirit" hämmert sich direkt in die Gehörgänge, Gitarren, wummernder Bass und eine sehr klare Stimme von Sängerin Alastrelle. Diese scheint eine stimmliche Schwester von Susan D'lavollo von Moonchild zu sein. Weiter geht es mit dem nicht minder tanzbaren „Endless Fall", das von einer feingliedrigen Gitarre getragen wird. Nun wird es etwas temporeicher, „A Dream Of Deception" überschlägt sich fast, Erinnerungen an die frühen Skeletal Family werden wach. In die gleiche Richtung geht „Never", das ist richtig schöner gitarrenlastiger New Wave. Dass so etwas aus unserem Nachbarland kommt, ich wundere mich immer noch. Als letzter Song befindet sich „Morphée Aux Enfers" auf dem Tape, eingeleitet von einem ordentlichen Gewitter und einem bedrohlichen Piano. Hier wird auch die Stimme als Instrument verwendet, markerschütternde Schreie, die wahre Folter. Hier müßte man das Konzept des Songs besser kennen, sonst nervt er. Insgesamt aber ein gutes Tape.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995) 

Chateau Royale - In Mourning (SCD, 1994)

Fast wäre diese Band bei mir in Vergessenheit geraten. Erinnern wir uns: vor einigen Monaten erschienen die beiden Tapes „Forest Of Gates" und „Angel" mit ein paar netten  Wave-Songs mit teilweise ungewohntem schrägen Gesang. Vor ein paar Tagen erreichte mich ein Päckchen mit dem neuen Werk der beiden extravaganten Engländer: eine CD-Single namens "In Mourning" mit drei Titeln. Schon das mittelalteriche Cover, anscheinend die Beschneidung Jesu zeigend, verblüffte mich zunächst. Doch bei der Musik wurde ich noch mehr überrascht. Chateau Royale beginnen mit dem Instrumental „Post Mortem", gefolgt von „Voodoo", die beide eine ungewohnte Ruhe ausstrahlen. Dezente Keyboardteppiche fließen daher, lassen dich in andere Welten versinken, und öffnen deine Ohren für den neuen Sound von Ady und Baron. Den Abschluß macht das choralartige „She´s Dying“, in dem die Stimme im Mittelpunkt steht, wahrscheinlich ein lateinisches Gebet aufsagend. Darum bilden leichte Bässe und Drums die notwendige düstere Atmosphäre. Ich bin gespannt, ob Chateau Royale in dieser Richtung weitergehen, für jeden Schwarzen ist diese Single schon fast Pflicht.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995) 

Also - Cold Rooms (MC, 1994)

Wer jetzt erst auf den Geschmack dieser excellenten Band gekommen ist, hat in den letzten Jahren etwas verpaßt. Jede Plattenfirma, die Also bisher keinen Vertrag angeboten hat, müßte bestraft werden. Es hat lange gedauert, bis das dritte Tape „Cold Rooms“ das Licht der Welt erblickt hat. Also besitzen eine Art Genialität, ihre Gedanken in Musik umzusetzen, wie es das wohl seit Bauhaus nicht mehr gegeben hat. Bei Bauhaus muß man wohl auch ansetzen, um Also zu verstehen, um Avantgarde hoffähig und populär zu machen. Also sind bissig, gehen gleichzeitig aber auch ins Ohr, machen süchtig. So strahlen einige ihrer Songs nach außen Optimismus und Freude aus, obwohl es anscheinend ganz anders aussieht. Bedrückend, meilenweit entfernt, eiskalt, „Black Icicles“, monoton, einfach, transparent, einfach ein Geniestreich! Gleich darauf folgt mit „Time“, mein Favorit des Tapes, das seltsamerweise recht komplex angelegt wurde, einfach schöner Wave-Pop, dazu zum ersten Mal auch weibliche Vocals im Wechsel mit Sänger Alexander Schmidt beim Refrain, traumhaft, ein potentieller Hit. Neben dieser Neuerung bei Also gibt es natürlich auch bandtypische Stücke wie „Parson's Party" oder „Bittersweet World", treibend und mit enorm Power versehen. Wer Also bereits kennt, der weiß, daß Coverversionen zum Standard zählen. Dieses Mal haben sich Alexander und Oliver Gnaß „Crawfish" (von wem das wohl ist?) und „Tutti Frutti" (von Rock´n´Roll-Legende Chuck Berry) vorgenommen. Letzterem wurde dabei extrem das Tempo genommen und eine Ballade daraus gemacht, eines der besten Covers, die ich kenne. Für Fans ist dieses bisher beste Also-Tape ein Muß, für alle anderen, die nicht der Meinung sind, gelten die ersten Sätze dieser Kritik.

(Text aus The Torturer Nr. 8/Februar 1995)